Ein Plädoyer
für Bekenntisse
von
Pfarrer Ron
Hanko
(leicht
abgewandelte Form des gleichnamigen Artikels1 im British
Reformed Journal, Ausgabe 21, Januar-März 1998)
Bekenntnis oder Chaos
Es gibt von einer recht bekannten britischen Autorin
einen Aufsatz mit dem Titel „Bekenntnis oder Chaos“.2
Zwar stimme ich nur teilweise mit dem Inhalt dieses Aufsatzes überein,
der Titel beschreibt jedoch sehr treffend die Bedeutung der historischen
Bekenntnisse für die Gemeinde. Ich bin davon überzeugt, dass ohne die
Bekenntnisse das Chaos in der Gemeinde herrscht. Die Geschichte hat dies
insbesondere in diesem Jahrhundert gezeigt. Immer dann, wenn die
Gemeinde auf Bekenntnisse verzichtet oder sich nicht mehr an sie hält,
zieht das Chaos in die Gemeinde ein. Sei es durch Änderungen in der
Lehre, geistliche Ignoranz oder Weltlichkeit.
Manche haben dies erkannt und sind zu den
Bekenntnissen zurückgekehrt, wofür ich sehr dankbar bin. Andere jedoch
halten nach wie vor nicht viel von Bekenntnissen. Speziell ihnen soll in
diesem Artikel die Notwendigkeit und die biblische Begründung für
Bekenntnisse nahe gebracht werden.
Zunächst wollen wir die biblische Grundlage für die
Bekenntnisse erarbeiten. Dann wollen wir uns mit den Einwänden gegen
die Verwendung von Bekenntnissen beschäftigen. Am Schluss, wenn die
Notwendigkeit für die Verwendung von Bekenntnissen erarbeitet und gegen
Einwände verteidigt wurde, betrachten wir einige spezielle
Anwendungsfälle für Bekenntnisse. Denn wenn sie zwar vorhanden sind,
der Inhalt jedoch unbekannt ist und sie nicht verwendet werden, haben
sie auch keinen Wert.
Den Glauben bekennen
Um zu erkennen, dass der Gebrauch von Bekenntnissen
biblisch ist, müssen wir uns die Herkunft des Wortes „Bekenntnis“
ansehen: Es hat seine Wurzeln in dem lateinischen Wort „credo“, was
soviel bedeutet, wie „Ich glaube“. Das zeigt uns, was Bekenntnisse
eigentlich sind. Sie sind ein Ausdruck des Glaubens, der in den Herzen
von Gottes Volks lebt. In den Bekenntnissen bringen Gläubige (meist in
Form einer Versammlung) dem Rest der Welt gegenüber zum Ausdruck, was
das Wort Gottes ihrer Ansicht nach lehrt. Bekenntnisse existieren also
nicht unabhängig von oder gar in Konkurrenz zur Schrift, sondern geben
das wieder, was in der Schrift an Lehre zu finden ist. Und diese Lehren
werden dann durch ein Bekenntnis ausformuliert und bekannt.
Somit ist das Formulieren von Bekenntnissen
eigentlich nichts anderes, als einer Aufforderung der Schrift
nachzukommen: Und zwar der Aufforderung, unseren Glauben zu bekennen.
Deswegen kommt das Wort „Bekenntnis“ auch von „bekennen“. Das
ist der erste biblische Grund, Bekenntnisse zu haben und zu verwenden.
Es gibt eine Vielzahl von Schriftstellen, die die
Gläubigen dazu aufrufen, ihren Glauben zu bekennen. In Matthäus 10,32
macht dies Jesus mit den Worten deutlich: „Jeder nun, der sich zu mir
bekennt vor den Menschen, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem
Vater im Himmel“ Römer 10,9.10 bringt das Bekenntnis zu Christus
sogar mit der Errettung in Verbindung: „Denn wenn du mit deinem Mund
Jesus als den Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn
aus den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn mit dem Herzen
glaubt man, um gerecht zu werden, und mit dem Mund bekennt man, um
gerettet zu werden; denn die Schrift spricht: »Jeder, der an ihn glaubt,
wird nicht zuschanden werden!«“
Wenn Gläubige ihren Glauben in Bekenntnissen zum
Ausdruck bringen, tun sie eigentlich nichts anderes wie Nathanael, wenn
er sagt: „ Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von
Israel!“ (Johannes 1,49). Ebenso bekannte Petrus: „Du bist der
Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Matthäus 16,16). Wenn
Gläubige also Bekenntnisse formulieren, tun sie damit nichts anderes,
als die Schrift selbst, wenn sie uns die Bekenntnisse von Nathanael und
Paulus überliefert.
Ebenso ist klar, dass Bekenntnisse keine
Einzelmeinung, sondern der Ausdruck des Glaubens vieler Gläubigen
wiedergeben sollen. In Römer 15,6 betet der Apostel Paulus, dass die
Mitglieder der Gemeinde in Rom einmütig, mit einem Mund den Gott
und Vater unseres Herrn Jesus Christus loben. In 1. Korinther 1,10
werden die Gläubigen aufgefordert, einmütig zu sein in ihrem Reden.
Aus dem Zusammenhang (Vers 2) wird deutlich, dass sie bekennen sollen
„samt allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an
jedem Ort, sowohl bei ihnen als auch bei uns“. Mir scheint, dass so
etwas nur durch Bekenntnisse bewerkstelligt werden kann.3
Genau so werden Bekenntnisse auch von ihren
Verfassern verteidigt. Im Vorwort zu seinem „Bekenntnis“ schreibt
John Knox z.B. „Für uns besteht kein Zweifel daran, dass derjenige,
der Jesus Christus verleugnet, oder sich Seiner schämt, dereinst vor
dem Vater und seien heiligen Engeln verleugnet werden wird.“4
Es geht einfach nicht ohne Bekenntnisse. Jeder
Gläubige hat eine bestimmte Vorstellung davon, was das Wort Gottes
lehrt. Und weil dieser Glaube ihm wichtig ist, bekennt er ihn. Wenn er
Christus und Sein Wort liebt kann er ja auch gar nicht anders. Jeder
Gläubige und jede Gemeinde hat deswegen ein Bekenntnis, ob es nun
niedergeschrieben ist oder nur in den Köpfen existiert. Selbst in
denjenigen Gemeinden, die Bekenntnisse ablehnen, gibt es eine
stillschweigende Übereinkunft über bestimmte Lehren. Diese „ungeschriebenen
Regeln“ gelten dann dort genau so wie schriftliche Bekenntnisse in
anderen Gemeinden.
Gerade diejenigen Gemeinden, die das Motto „Kein
Bekenntnis – Nur die
Schrift allein!“ haben, finden sich sehr bald in folgender Situation
wieder: Dadurch, dass sie kein offizielles, ausformuliertes und
niedergeschriebene Bekenntnis haben, müssen die Gläubigen nicht nur
über Christus, sondern auch über sehr viele andere Dinge
stillschweigend übereinstimmen. Entsprechend kommen sie leicht in
Schwierigkeiten, wenn man sie z.B fragt: „Welchen Christus bekennt Ihr?
Den Christus der Liberalen, der nur ein nachahmenswertes Beispiel für
die Gläubigen ist und der sein Blut nicht für sie vergossen hat? Oder
den Christus der Mormonen, der Juden oder der römisch-katholischen
Kirche?“ Zum Glück enthalten ihre ungeschriebenen Bekenntnisse
gesunde biblische Lehre bezüglich Christus und Sein Werk.
Auch kann man feststellen, dass ihr ungeschriebenes Bekenntnis
oft wesentlich mehr umfasst als die Lehre von Christus. Obwohl sie
offiziell keine schriftlichen Bekenntnisse haben und dem bereits
genannten Motto „Kein Bekenntnis –
Nur die Schrift allein!“ folgen, stimmen Theorie und Praxis bei ihnen
nicht wirklich überein. Wenn man z.B. versucht, diesen Gläubigen die
Lehre der Erwählung oder die der begrenzten Sühne nahe zu bringen,
wird man freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass „man so
etwas hier nicht glaubt“.
Sprich: „Das passt nicht mit unserem Bekenntnis zusammen“.
Wenn man gar um eine Kindertaufe bittet, wird man in den meisten dieser
Gemeinden mit den Worten nach draußen begleitet: „Wir taufen hier
keine Kinder.“
Das Werk des Geistes in der Gemeinde
Der zweite Grund für die Notwendigkeit und
Wichtigkeit von Bekenntnissen geht auf Johannes 16,13 zurück. Dort
verspricht Jesus: „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so
wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich
selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was
zukünftig ist, wird er euch verkündigen.“ Dieses Versprechen Jesu
wird dadurch eingelöst, dass der Heilige Geist dem Volk Gottes die
Fähigkeit gibt, Sein Wort zu verstehen.
Die Bekenntnisse sind eine Frucht des Werkes des
Geistes. Wer abstreitet, dass die Bekenntnisse Nutzen bringen und ihren
Platz in der Gemeinde haben, streitet damit auch ab, dass der Geist der
Wahrheit in der Vergangenheit gewirkt hat und bis heute in der Gemeinde
wirkt. Zumindest wird damit bestritten, dass das Werk des Geistes heute
noch irgend eine Bedeutung hat. Damit trennt die Gemeinde jedoch ihre
Verbindung zu der Gemeinde der Vergangenheit und verleugnet so die
fundamentale Einheit der Gemeinde durch alle Zeitalter hindurch. Das ist
die große Schwäche der Gemeinde heutztage: Sie hat keine Verbindung
zur Vergangenheit. Sie weiß nichts mehr von der Geschichte und den
Lektionen der Vergangenheit, nichts mehr von all den den Kämpfen, die
die Gemeinde austragen musste und nichts mehr von Gottes Treue zu Seiner
Gemeinde durch alle Zeitalter hindurch. Sie versucht, allein auf weiter
Flur gegen die Mächte der Finsternis zu bestehen, statt sich wie in
Hoheslied 6,10 als Teil der „Heerscharen mit Kriegsbannern“ zu
betrachten, „schön wie der Mond“ und „klar wie die Sonne“.
Das Problem besteht vor allem auch darin, dass die
Gemeinde mit ihrer Loslösung von der Gemeinde der Vergangenheit in etwa
folgendes zum Ausdruck bringt: „Jede Generation muss von vorne
anfangen und die Wahrheit der Schrift von Grund auf neu entdecken!“
Das stellt sich jedoch schnell als unlösbare Aufgabe heraus. In der
Folge wird diese Aufgabe nicht weiter verfolgt, so dass tatsächlich nur
wenig Wahrheit entdeckt wird. Oder man verbringt so viel Zeit mit dieser
Aufgabe, dass für andere Dinge keine Zeit mehr bleibt.
Der presbyterianische Autor G. I. Williams drückte
es einmal treffend aus:
„ Die Bibel hat eine sehr
hohe Informationsdichte. Es ist nicht einfach, sich das alles
anzueignen und bisher hat das auch noch niemand geschafft. Es wäre
daher töricht von uns, das trotzdem zu versuchen und nochmal ganz
von vorne anzufangen. Wir würden damit all die Zeit und Mühe
ignorieren, die seit Jahrhunderten in das Studium der Schrift
investiert wurde. Genau deshalb haben wir Bekenntnisse. Sie sind das
Resultat von Jahrhunderten des Bibelstudiums durch eine Vielzahl von
Gläubigen. Sie sind im Bezug auf die Lehren der Schrift eine Art
„geistlicher Straßenkarte“, die sich bereits in vielen Fällen
bewährt hat. Außerdem: Ist das nicht das, was Jesus versprochen
hat? Kurz bevor Er Sein Werk auf der Erde vollendet hat, versprach
Er Seinen Jüngern: „Wenn
aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so wird er euch in die
ganze Wahrheit leiten“ (Johannes
16,13). Und Christus hielt sein Versprechen. Am Pfingsttag sandte Er
Seinen Geist um in Seinem Volk zu wohnen. Der Heilige Geist wurde
ausgegossen – und
zwar nicht auf einzelne Personen, sondern auf die Gesamtheit der
Gläubigen (vgl. Apostelgeschichte 2). Und seit diesem Tag bis heute
gibt Er Seiner Kirche das Verständnis der Schrift. Es verwundert
daher nicht, dass die Gemeinde sich seit jeher Bekenntnissen
bediente.“
Und weiter:
„ Hier sehen wir eines
der wichtigsten Kennzeichen eines Bekenntnisses, das mit der
Wahrheit der Schrift übereinstimmt: Es bleibt durch die
Jahrhunderte hindurch wahr. Es muss nicht ständig an die Zeit jeder
Generation angepasst werden, weil seine Aussagen zeitlos wahr sind.
Damit verbindet ein wahres Bekenntnis die Generationen durch die
Zeitalter hindurch. Es erinnert uns daran, dass die Gemeinde Christi
nicht an ein bestimmtes Zeitalter oder einen bestimmten Ort gebunden
ist. Mit anderen Worten: Der Glauben der Christen durch alle
Zeitalter hindurch war immer derselbe. Wenn wir unseren Glauben
bekennen, ist dies der gleiche Glaube wird der aller Gläubigen, die
vor uns gelebt haben. Zeigt uns das nicht, dass es nur einen
wahren Herrn und einen wahren Glauben gibt?“5
Die Bedeutung der Lehre
Der dritte Grund für die Verwendung von
Bekenntnissen bezieht sich auf 2. Timotheus, 3,16.17: „Alle Schrift
ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung,
zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch
Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.“
Wichtig ist hier der Bezug auf die Lehre.
Wenn man Lehre definiert als die systematische
Darstellung der Wahrheiten der Schrift und ihr Verhältnis zueinander,
ist die Schrift selbst - strenggenommen - noch keine Lehre. Das ergibt
sich indirekt aus 2. Timotheus 3,16, wo es heißt, dass die Schrift
nützlich ist zur Belehrung. Auch sollte uns nicht entgehen, dass
die Verwendung der Schrift zur Belehrung hier als Erstes genannt
wird. Bekenntnisse sind nichts anderes als Lehre. Sie fügen alle
Aussagen der Schrift bezüglich eines bestimmten Themas zu einer
einheitlichen Lehraussage zusammen und zeigen dann, wie sich diese Lehre
zu anderen Lehren verhält. Bekenntnisse sind also eine Zusammenstellung
von Aussagen, die unter Gläubigen unstreitig sind (vgl auch Lukas 1,1).
Damit ist klar, dass der Widerstand gegen die Verwendung von
Bekenntnissen zu einem großen Teil auf die heutzutage verbreitete
Ablehnung von Lehre zurückgeht. Trotz Stellen wie 2. Timotheus 3,16.17
wird die Lehre weder weitergegeben noch besteht überhaupt Interesse an
ihr. Entsprechend werden auch die Bekenntnisse, die ja nichts anderes
als Lehre sind, entweder gering geschätzt oder gänzlich ignoriert.
Wenn die Schrift nützlich zur Belehrung ist, tut die
Gemeinde Recht, wenn sie die Lehre in Form von Bekenntnissen
ausformuliert. Wenn die Lehre so wichtig ist, wie die Schrift sagt, muss
die Gemeinde solche Bekenntnisse haben und verwenden.
Einwände gegen Bekenntnisse
Einige der Einwände, die gegen Bekenntnisse
vorgebracht werden, haben wir schon behandelt. Es gibt jedoch noch
weitere, wichtigere Einwände. Manche sagen, dass Bekenntnisse die
einzigartige Autorität der Schrift untergraben. Bekenntnisse würden
uns in Wahrheit von der Schrift wegführen und uns dazu bringen, den
Gebrauch der Schrift selbst zu vernachlässigen. Andere sagen, dass
Bekenntnisse Spaltungen in der Gemeinde Gottes hervorrufen und sogar der
Hauptgrund für die Uneinigkeit der Christenheit sind. Diese Einwände
lassen sich leicht entkräften.
Zum Einwand der Autorität der Schrift: Wenn
Bekenntnisse recht angewendet werden, verdrängen sie weder die
Autorität der Schrift, noch führen sie Christen weg von der Schrift.
Vielmehr verweisen sie auf die Schrift und dienen als eine Art
Straßenkarte für die Lehren des Wortes Gottes. Das tun sie
insbesondere durch die zahlreichen Verweise auf die entsprechenden
Schriftstellen, wie sie in den meisten Bekenntnissen vorhanden sind.
Sicher gibt es auch manche Zeitgenossen, die Bekenntnissen zu viel
Autorität beimessen. Das kann man jedoch nicht den Bekenntnissen selbst
zur Last legen, da sie ja selbst aussagen, dass die Schrift die einzige
Autorität ist. Das zeigen sie, indem sie sich auf die Schrift beziehen.
Von diesem Standpunkt aus betrachtet tun Bekenntnisse
nichts anderes, als ein Prediger, der die Gläubigen dazu aufruft, das
Gesagte anhand der Schrift zu überprüfen (vgl. Apostelgeschichte
17,11). Wie eine Straßenkarte zeigen sie sogar an, wo in der Schrift
man beginnen sollte. Meiner Erfahrung nach haben gerade Gemeinden, die
entweder keine Bekenntnisse haben oder sie nicht verwenden, erschreckend
wenig Ahnung von den Lehren der Schrift. Die Menschen besuchen jahrelang
solche Gemeinden und scheinen rein gar nichts zu lernen.
Dass Bekenntnisse angeblich Spaltungen hervorrufen
ist ein weiterer Vorwand, um sie nicht zu benutzen. Bekenntnisse
verursachen keine Spaltungen, sondern verdeutlichen lediglich, welche
Spaltungen schon vorhanden sind. Indem die Bekenntnisse die Wahrheit
lehren (und das tun sie nach Johannes 16,13, wenn auch nur unvollkommen)
führen sie zu Einheit statt zu Spaltungen. Denn natürlich führt die
Wahrheit zur Einheit. Amos 3,3 lehrt uns: „Gehen auch zwei miteinander,
ohne dass sie übereingekommen sind?“ Ebenso lehrt uns Epheser
4,15.16: „Lasst uns aber die Wahrheit reden in Liebe und in
allem hinwachsen zu ihm, der das Haupt ist, Christus. Aus ihm wird der
ganze Leib zusammengefügt und verbunden durch jedes der Unterstützung
dienende Gelenk, entsprechend der Wirksamkeit nach dem Maß jedes
einzelnen Teils; und so wirkt er das Wachstum des Leibes zu seiner
Selbstauferbauung in Liebe.“ Die vorhandenen Spaltungen sind daher
nicht durch Bekenntnisse verursacht, sondern haben ihren Grund in der
mangelhaften Kenntnis bzw. Umsetzung der Wahrheit der Schrift.
Der Nutzen von Bekenntnissen
Damit kommen wir zur Frage des Nutzens von
Bekenntnissen. Der nächstliegende und sicherlich wichtigste Grund ist
ihre einigende Funktion. Die Bekenntnisse einer Gemeinde sind ihr „Banner
der Wahrheit“ (vgl. Psalm 60,6) und dienen als gemeinsame Plattform
für alle, die die gleiche Wahrheit verkünden. Daher werden die
Bekenntnisse der reformierten Gemeinden manchmal auch die Drei
Formeln der Einheit genannt.
Eng damit verwandt ist der apologetische Gebrauch der
Bekenntnisse. Unter Apologetik versteht man die Verteidigung der
Wahrheit des Evangeliums. Das Wort „Apologetik“ geht zurück auf den
griechischen Ausdruck apologia für „Verteidigung“ oder „Rechtfertigung“
in 1. Petrus 3,15. Die apologetische Verwendung der Bekenntnisse ergibt
sich aus der Tatsache, dass die meisten Bekenntnisse aus Anlass der
Verteidigung der Wahrheit der Schrift verfasst wurden. Sie sind die „Verteidigung“
oder „Rechtfertigung“ der Gemeinde gegenüber denjenigen, die ihre
Hoffnung in Frage stellen. Sie wurden nicht in irgend einem
Elfenbeinturm abseits von der Realität verfasst, sondern auf dem
Schlachtfeld des Glaubens. Die falschen Lehren, die sie ansprechen, sind
immer noch aktuell, da gibt es nicht viel Neues. Und auch hier helfen
uns die Verweise auf entsprechende Schriftstellen bei einer biblisch
fundierten Verteidigung des Glaubens.
Dann gibt es noch den „gesetzlichen“ Gebrauch der
Bekenntnisse. Das bedeutet, dass sie herangezogen werden, um bestimmte
Streitigkeiten zu vermeiden oder zu schlichten. Sie eignen sich deswegen
zur Schlichtung von Streitigkeiten, weil sie zeigen, was die Schrift
lehrt und all ihre Aussagen zu einem bestimmen Thema zusammenführen.
Zur Vermeidung von Streitigkeiten eignen sie sich deswegen, weil sie
klar benennen, was wichtig ist. Somit werden törichte und unsinnige
Auseinandersetzungen vermieden, die nur zu Streit führen (vgl. 2.
Timotheus 2,23).
Sehr wichtig ist auch der katechetische Gebrauch der
Bekenntnisse. Das bedeutet, dass sie benutzt werden, um Kindern und
Neubekehrten die Wahrheit der Schrift beizubringen. Die Bekenntnisse
eignen sich deswegen hierfür, weil sie die Lehren der Schrift
wiedergeben. Jeder, der jemals gelehrt hat, weiß, dass es praktisch
unmöglich ist, etwas zu lernen, wenn der Stoff nicht systematisch und
logisch strukturiert ist. Das können die Bekenntnisse leisten,
insbesondere die Katechismen, die ja gerade dafür konzipiert wurden,
Jung und Alt in der Wahrheit der Schrift zu unterrichten.
Weiter können Bekenntnisse sogar in der Seelsorge
verwendet werden. Sie sind keine kalten, abstrakten Abhandlungen,
sondern einfühlsame, praktische Darstellungen der Wahrheit. Sie sollen
denen, die seelsorgerlicher Hilfe bedürfen, die Richtung zum Wort
Gottes weisen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die seelsorgerliche
Anwendung der Erwählungslehre in den Dordrechter Lehrregeln, 1.
Lehrstück, Kapitel 13:
„ Der Erfahrung und
Gewißheit dieser Erwählung entnehmen die Kinder Gottes täglich
größere Ursache, sich vor Gott zu demütigen, die Tiefe seiner
Barmherzigkeit anzubeten, sich selbst zu reinigen und ihn, der sie
zuerst sehr geliebt hat, wiederum inbrünstig zu lieben. Es ist denn
auch weit davon entfernt, dass sie durch diese Lehre von der Erwählung
und durch deren Betrachtung in dem Befolgen der göttlichen Gebote
lässiger oder auf fleischliche Art sorglos würden. Dies pflegt aber
nach Gottes gerechtem Urteil denen zu widerfahren, die, indem sie sich
der Gnade der Erwählung leichtsinnig vermessen oder eitel und
leichtfertig über sie schwatzen, auf dem Wege der Auserwählten nicht
wandeln wollen.“
Von geringerer Bedeutung ist die Verwendung der
Bekenntnisse für Homiletik und Liturgie. In manchen Gemeinden wird
regelmäßig aus einem ganz bestimmten Bekenntnis gepredigt. Damit soll
sichergestellt werden, dass auch der ganze Ratschluss Gottes verkündigt
wird (vgl. Apostelgeschichte 20,27). So werden alle Lehren der Schrift
dargelegt, damit Gottes Volk fest auf dem Grund der Wahrheit steht. Das
ist der homiletische (auf die Erstellung einer Predigt bezogene)
Gebrauch. In anderen Gemeinden werden meistens kürzere Bekenntnisse wie
das Apostolische oder das Nicänische Glaubensbekenntnis im Gottesdienst
gelesen. So bekennen die Gläubigen gegenseitig ihren Glauben, getreu
Christi Aufforderung in Matthäus 10.
Sicher gibt es noch weitere Möglichkeiten für den
Gebrauch von Bekenntnissen, aber die hier genannten sind in jedem Fall
die wichtigsten. Es muss jedoch betont werden, dass Bekenntnisse wirklich
nur dann einen Nutzen haben, wenn sie auch verwendet werden. Wenn
sie nur im Keller liegen und Staub ansetzen haben sie nicht den
geringsten Wert. Aus den genannten Gründen ist es notwendig sie zu
haben und sie zu verwenden. Die Alternative ist Chaos in der Lehre. Ein
Chaos, dass in unserer Zeit die Gemeinde zerstört, ihr Zeugnis kraftlos
macht und ihre Mitglieder verunsichert.
In Jeremia 6,16 sagt der Herr selbst: „So spricht
der Herr: Tretet hin an die Wege und schaut und fragt nach den Pfaden
der Vorzeit, welches der gute Weg ist, und wandelt darauf, so werdet ihr
Ruhe finden für eure Seelen! Sie aber sprechen: »Wir wollen nicht
darauf wandeln!«“ Und so hat die Gemeinde heutzutage keine Ruhe, weil
sie die Pfade der Vorzeit nicht mehr kennt.
____________________________
1Engl.
Titel: „A Plea for
Creeds“
2Engl.
Titel: „Creed or Chaos“, Dorothy
Sayers, Christian Letters to a Post-Christian World (Eerdmans,
1969), Seite 31-45
3Vgl.
hierzu John Hooper, Biblical Church Unity (K & M Books, 1998)
4John
Knox, The History of the Reformation in Scotland (Fleming H.
Revell, 1905), Seite 342
5G.I.
Williamson, The Heidelberg Catechism (Presbyterian and Reformed,
1993), Seite 3
Um weitere Artikel
auf Deutsch zu lesen, bitte hier anklicken. |
|